Meine Meinung: Ende gut – alles gut?

(21.02.2012) Das hätte man auch früher haben können! Schon vor zwei Jahren war doch eigentlich klar, dass der geeignetere Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten eindeutig Hans-Joachim Gauck hieß. Meine erste Reaktion damals auf die Nachricht, dass die Union - oder genauer: die Bundeskanzlerin – Herrn Christian Wulff favorisiert, war ungläubiges Erstaunen. Hatte denn jemals irgendjemand auch nur einen tiefgreifenden Gedanken, einen originellen Vorschlag oder eine über den Tag hinaus weisende Initiative Wulffs in Erinnerung? Natürlich nicht, weil es dergleichen nicht gab.
Wulff hat insofern im Laufe seiner nun abrupt beendeten Präsidentschaft bestätigt, was man damals schon wissen konnte: Er war als Präsident schlicht eine Fehlbesetzung. Selbst da, wo er für Aufsehen sorgte – nämlich mit der Äußerung, der Islam gehöre mittlerweile auch zu Deutschland – sagte er ja nichts, was andere nicht schon dutzende Male gesagt hatten, sogar Menschen aus der CDU, wie z.B. Wolfgang Schäuble (was ja den ganzen Aufruhr, den diese Äußerung in der besonders in Hessen starken CDU-Stahlhelmfraktion auslöste, noch bizarrer macht). Nein, nichts wirklich Neues vom Bundespräsidenten und auch sonst höchstens gepflegte Langeweile.
So wäre es geblieben, wäre da nicht durch die Vielzahl der größeren und kleineren Gefälligkeiten, deren Abnehmer Christian und Bettina Wulff waren, eine über Wochen nicht abnehmende Aufregung entstanden, an deren Ende bekanntermaßen der Rücktritt stand, der zweite Rücktritt eines Bundespräsidenten innerhalb kürzester Zeit. Ich habe Erinnerungen an alle Bundespräsidenten von Heuss an, es ist keiner dabei gewesen, der sich – bei aller Kritik, die es an einzelnen von ihnen gegeben haben mag – auf so unerträglich peinliche Weise in einem Gestrüpp von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten verstrickt gehabt hätte, die das Signum dieser Affäre ist. Es ist ja – jedenfalls nach dem, was man bisher weiß – nicht so, dass es den ganz großen, abgrundtiefen Skandal um Wulff gab und gibt. Wäre man böse, könnte man sagen: Noch nicht mal dazu hat es gereicht.
Heiligkeit ist keine demokratische Eigenschaft! Aber die Bürgerinnen und Bürger eines Landes erwarten von ihren Staatsoberhäuptern doch immer noch – und zwar zu Recht – dass sie zu ihnen aufblicken, sich an ihnen orientieren, sich auf sie verlassen können, wenn die Zeiten schwierig, die politische Lage unübersichtlich und die Zukunftsaussichten verhangen sind. Wenn die Fähigkeit, in solchen Zeiten Orientierung geben zu können, zu den Erwartungen gehört, die an ein Staatsoberhaupt gerichtet werden, dann setzt dies Vertrauen voraus, Vertrauen in die moralische Integrität und in die persönliche Zuverlässigkeit. Dieses Vertrauen haben die Bürgerinnen und Bürger verloren. Es war schon durch den Rücktritt Horst Köhlers erschüttert, es drohte an Christian Wulff zunichte zu werden. Es war – unabhängig von der juristischen Bewertung der einzelnen Vorgänge – höchste Zeit für den Rücktritt.
Wird jetzt alles gut? Nein, sicher nicht! Hans-Joachim Gauck ist kein Supermann und er ist wahrscheinlich kein Heiliger. Aber er ist ein querköpfiger, standfester, origineller Mann von klaren Grundsätzen. Manche davon gefallen mir, manche nicht. Darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt ist: Bei Gauck lohnt es sich immer, genau zuzuhören. Man kann immer sicher sein, dass hier einer ist, der sagt was er denkt und denkt was er sagt. Einer der selber denkt. Und einer, auf den man sich verlassen können wird. Das ist schon viel in diesen Zeiten!