Merz hört mit – Spagat am Ende der Fahnenstange

Gießen/Fulda. Kaum eine sportliche Übung wird in Politik und Gesellschaft so häufig benötigt und ist doch gleichzeitig so schwierig wie der Spagat, jene Dehnübung, an deren Ende man mit maximal gespreizten Beinen praktisch bewegungsunfähig am Boden sitzt. Dass z.B. „Banken im Spagat zwischen digitaler Welt und klassischer Filiale“ (www.infosat.de, 26. Februar 2015) nicht mehr vor und zurück können, ist schon deshalb erklärlich, weil sie mit dem einen gestreckten Bein in der virtuellen, mit dem anderen in der materiellen Welt unterwegs wären – wenn denn in diesem Zusammenhang der metaphorische Gebrauch der Rede vom „Unterwegs-Sein“ angemessen wäre, was freilich schon deshalb nicht der Fall ist, weil die Ebene (vgl. Merz hört mit – Die Mühen der Schiefen Ebene), auf der man unterwegs zu sein hätte, nicht geklärt ist und weil der Spagat selbst ja (s.o.) zur Unbeweglichkeit verdammt.
Da wird schnell die Frage aufgeworfen: „War der Spagat zu breit angelegt?“ (H. Seehofer, Bayr. Ministerpräsident-CSU, zitiert nach: Süddeutsche Zeitung, 27.Mai 2014) Die Frage führt – wie so oft bei Seehofer – ins Leere, da der Spagat in seiner Breite bereits durch die jeweilige Länge der Beine definiert ist. Andererseits wird natürlich – wie bei jeder Frage, die sich eigentlich nicht stellt – dennoch eine Antwort gegeben: „Seehofer überspreizt den EU-Spagat“. Mit unabsehbaren, gleichwohl bereits absehbar gravierenden Folgen: „Der Spagat ist schuld, da sind sich viele in der CSU einig. …. Die Folgen für Seehofer sind noch nicht absehbar: Wird er nach seinem überspreizten Spagat mit einer Zerrung davon kommen oder droht gar die Politikinvalidität?“ (AFP , 26. Mai 2014)Oder aber eine schwere Versehrung der politischen Potenz? Zumal es da ja jetzt schon weh tut: „Deutschpflicht-Vorschlag der CSU – Spagat, der im Schritt schmerzt” (ntv, 8. Dezember 2015).
Mitleid ist freilich ganz unangebracht, denn Seehofer war gewarnt: „Seehofer im Dreifach-Spagat … Die CSU-Führung will sich bei den bevorstehenden Wahlen keine Zerrungen holen. Bei ihrer Klausurtagung in Wildbad Kreuth heißt es daher: Schön warm machen.“ (https://asilverblick.wordpress.com/2013/01/08/seehofer-im-dreifach-spaga... 8. Januar 2013) Bayern scheint insgesamt ein spagat-geneigtes (um nicht zu sagen: spagat-affines) Terrain zu sein, denn auch der bayerischen SPD, ihrem Vorsitzenden Florian Pronold, Karl-Theodor von und zu Guttenberg und vielen anderen wird eine Neigung zum Spagat nachgesagt. Seehofer, um noch einmal von diesem zu sprechen, kann deshalb auch durchaus spagatliche Erfolge vorweisen: „Es sei die größte Kabinettsreform seit Jahrzehnten. Zumindest behauptet das der Architekt der neuen Staatsregierung: Horst Seehofer. Er schafft den Spagat und verteilt mindestens eins der 11 Ministerämter auf jeden Regierungsbezirk.“ (tvo, 9. Oktober 2013)
Fast so schwer wie der Spagat zwischen der virtuellen und der tatsächlichen Welt und mindestens ebenso schwer wie die Seehofer’sche Überspreizung ist wahrscheinlich „Amerikas Spagat zwischen Irak und Nordkorea“ (P. Scholl-Latour, dessen Spagat zwischen Kreuzritter und Volksmudschaheddin vor kurzem ein Ende fand, http://article.wn.com/view/2004/12/01/Der_Spagat_der_Patrioten/), also ein Spagat entlang jener Achse des Bösen, auf der George W. Bush seinen weltrekordverdächtigen Spagat zwischen Wahrheit und Lüge hinlegte und sich dabei vermutlich jene Organe klemmte, deren Fehlen an anderer Stelle Oliver Kahn, der seinerseits den echten Spagat beherrscht, einmal beklagte.
Schwer zu sagen auch, „welche Erfordernisse es für Busfahrer benötigt, den Spagat hinzukriegen“ (E. Koch-Michel, Stadtverordnete-Bürgerliste, Sitzung der Stadtverordnetenversammlung Gießen, 19. Februar 2015), noch schwerer freilich die Antwort auf die Frage, ob „Erfordernisse“ tatsächlich „benötigt“ werden können oder ob nicht vielmehr das Nötige erforderlich ist und ob es denn überhaupt erforderlich, ja vielleicht gar nur wünschenswert ist, dass Busfahrer im Bus den Spagat machen.
Ähnlich schmerzhaft wie dabei dürfte es nur noch dann zugehen, wenn der Spagat auf jenem Ende der Fahnenstange vollführt werden muss, das dann erreicht ist, wenn alle Spagate nichts mehr helfen! +++ fuldainfo | gerhard merz